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Der Lebenslauf des Martin Theodor von Heuglin

Die Jugend

Martin Theodor wurde als erstes Kind des evangelischen Pfarrers Ludwig Friedrich Heuglin und seiner Frau Wilhelmine Friedericke geb. Hildebrand am 20. März 1824 in Hirschlanden geboren. Dieses damals landwirtschaftlich geprägte Dorf im Strohgäu ist heute ein Stadtteil von Ditzingen im Landkreis Ludwigsburg.  Hier erinnert ein Gedenktafel am vorbildlich restaurierten ehemaligen Pfarrhaus und ein Ausstellungsbeitrag im Heimatmuseum an den berühmtesten Ditzinger. Leider ist über seine Jugend nicht viel bekannt. Naturwissenschaftliches Interesse schien ihm in die Wiege gelegt zu sein, obwohl es von seinem Vater offensichtlich nie gefördert wurde. Im Nekrolog seines engsten Freundes Richard von und zu König Warthausen bemerkt dieser, dass der 6-jährige Theodor bereits alle Pflanzen im Pfarrgarten mit den wissenschaftlichen Synonymen beschreiben konnte. Dies zeigt, dass schon der Knabe durch seine auffällige Hingabe zu Natur auffiel. Gerade aus dieser Zeit stammt auch die erste Nachricht, die Heuglin seiner Nachwelt überlassen sollte - die Nachricht aus Abb. 2, die bei der Kirchenrestaurierung im Jahre 1962 gefunden wurde.

Der Vater legte offensichtlich großen Wert auf eine fundierte Ausbildung. So wurde Heuglin bis zu seinem 12. Lebensjahr in der Knaben-Schule in Stetten im Remstal unterrichtet, daran schloss sich bis zu seiner Konfirmation Privatunterricht bei Vikar Maier in Hirschlanden an.

Ein weiterer Schulwechsel sollte entscheidend werden für den weiteren Lebenslauf von Heuglin. Vom 15. - 18. Lebensjahr besuchte er die Bildungsanstalt auf dem Salon in Ludwigsburg. Diese Schule war 1832 von Christoph Hoffmann, der aus der pietistischen Gemeinde Korntal stammte, gegründet worden. Die Bildungseinrichtung ließ freies Gedankengut zu und war lange Jahre ein Zentrum geistiger und politischer Auseinandersetzungen. Hier traf Heuglin mit 2 Menschen zusammen, welche die Erinnerungen an die Berichte von Karl Ferdinand Heinrich Ludwig wieder wach werden ließen. Ludwig war Apotheker aus Sulz am Neckar und in Kapstadt in Südafrika ein wohlhabender Mann geworden. Heuglin war Ludwig regelmäßig während den Besuchen bei den Großeltern in Ludwigsburg begegnet. Seine Schilderungen hatten bei ihm offensichtliches Fernweh ausgelöst.

Lehrer von Heuglin war Christian Ludwig Landbeck (1807-1890), der bedeutendste württembergische Ornithologe seiner Zeit. Landbeck erkannte schnell die besonderen Fähigkeiten von Heuglin und wurde dessen Förderer. Man darf vor allem davon ausgehen, dass Landbeck Heuglins Artenkenntnisse verfeinerte. Ferner war er hervorragender Zeichner (Abb. 4), der Heuglins zeichnerisches Talent erkannte und weiter verbesserte.

Sein Mitschüler war John Wilhelm Baron von Müller. Müllers Großvater stammte aus Kochersteinsfeld und war in Südafrika reich geworden. Jugendliche Schwärmereien der beiden Freunde schürten wieder die Sehnsucht Heuglins nach dem fernen Afrika.

In den Jahren 1842 und 1843 besuchte Heuglin das Polytechnikum in Stuttgart um anschließend ein Praktikum im Hüttenwerk von Königsbronn zu machen. Spätestens zu dieser Zeit begann er auch mit der systematischen Aufzeichnung über Vogelbeobachtungen, die er jedoch erst 1850 zu veröffentlichen begann. Leider liegen aus dieser Zeit von Heuglin keine handschriftlichen Unterlagen mehr vor, da diese in den letzten Jahren aus einer öffentlichen Bibliothek entwendet wurden.

Zu dieser Zeit lernte er auch Richard Freiherr von und zu König-Warthausen (1830-1911) kennen. Dieser war der bedeutendste oberschwäbische Naturkundler seiner Zeit. Gleichzeitig war er ein liberaler und modern denkender Mensch, der durch seinen politischen Einfluss mehrere Reformvorstöße entscheidend beeinflusste. König-Warthausen wurde Heuglins engster Freund und Vertrauter, mit dem er während seiner Heimataufenthalte zahlreiche naturkundlich orientierte Wanderungen durchführte und der von ihm zahlreiche Exponate von seinen Reisen erhielt. Auch während Heuglins Aufenthalten in Afrika kam König-Warthausen regelmäßig zu dessen Familie nach Stuttgart. Er sammelte “nebenbei” während dieser Zeit auch Vogelnester und machte ornithologische Aufzeichnungen (Abb. 5). Zahlreiche Briefe von Heuglin an König-Warthausen hat der Biograph Walther Bacmeister 1950 gesehen. Die Briefe, “.... gehen bis in die Jugendzeit zurück und enthalten viel Persönliches und Aufschlußreiches .... ”. Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand sind auch diese Briefe nicht mehr vorhanden. Es ist zu befürchten, dass sie mit zahlreichen anderen Unterlagen König-Warthausens auf einer Müllkippe landeten. Es ist deshalb zu befürchten, dass die meisten der wichtigen handschriftlichen Unterlagen aus Heuglins Jugendzeit und seiner Zeit in Württemberg verloren sind. Seine Motivation für das in der Folge geleistete wird deshalb immer viel Raum für Spekulationen geben und nicht endgültig zu klären sein. Nach dem Praktikum in Königsbronn arbeitete er an der Amalienhütte an der oberen Donau, wo er bis 1848 beschäftigt war.

1849 kam von Müller von seiner gemeinsam mit Alfred Edmund Brehm unternommenen Expedition aus Afrika zurück. Heuglin stand kurz vor der Anstellung bei einer böhmischen Metallverhüttung. Bei der Sichtung der Müller'schen Sammlung dürfte er dies jedoch endgültig zugunsten des Lebens als Forschungsreisender verworfen haben.

So begann der 26-jährige 1850 sein Forscherleben, das finanziell nie unter einem günstigen Stern stehen sollte. Sein Heimatland Württemberg würde ihn im späteren Leben zahlreiche Ehrungen zuteil werden lassen, ernsthafte finanzielle Unterstützung oder gar eine gesicherte Anstellung sollte er jedoch nie erhalten. Er lebte in der Zukunft von der Erlösen seiner Veröffentlichungen und vom Verkauf seiner Sammlungsobjekte an eine Vielzahl von Museen. Die finanziellen Zuwendungen vom Königreich Württemberg wurden von Heuglin durch Lieferungen an das Stuttgarter Naturaliencabinett (das heutige Naturkundemuseum im Schloß Rosenstein) ausgeglichen. Auch seine inzwischen verwitwete Mutter konnte ihn nicht wesentlich unterstützen.

Am 29. Dezember 1850 verließ Heuglin Württemberg und ging zunächst nach Wien. Hier knüpfte er wichtige Verbindungen zu der Akademie der Wissenschaften und zu politischen Vertretern. Das österreichische Konsulat in Chartum sollte für ihn in den ersten Jahren in Afrika der wichtigste Stützpunkt werden.

1851 betrat er erstmals afrikanischen Boden. Er machte im Auftrag der Akademie kürzere Reisen, er nannte sie “Ausflüge” ans Rote Meer, nach Arabien und nach Oberägypten. Heuglin wollte bei diesen Reisen Erfahrungen sammeln, Informationen über die zweckmäßigste Ausrüstung bekommen und einen ersten Eindruck von Land und Leuten gewinnen. Sehr wichtig war für ihn auch das Erlernen der Arabischen Sprache. Sehr schnell beherrschte er dies sowohl in Sprache als auch in Schrift.

Diese gesamten Vorbereitungen, sollten Heuglin auf all seinen Reisen sehr hilfreich sein. Auf Grund seiner damaligen Verhältnisse und Möglichkeiten hatte er sich so gut wie irgend möglich auf die folgenden Expeditionen vorbereitet.

In Kairo lernte er weitere Wissenschaftler kennen. Alfred Edmund Brehm, den Verfasser von Brehm's Tierleben, der Heuglin in späteren Briefen regelmäßig als Freund bezeichnete, traf er im Oktober 1851. Brehm schildert in seinen “Reiseskizzen aus Nord-Ost-Afrika” das Treffen und die daraus resultierende Reise in den Sinai und an das Rote Meer in der für ihn typischen bildhaften Sprache: “In Kairo hatten wir drei liebenswürdige Deutsche kennen gelernt, in deren Gesellschaft wir manche frohe Stunde zubrachten. Es war der Naturforscher Dr. Theodor von Heuglin aus Würtemberg, der Kaufmann Sauer aus Hannover und der Dr. med. Theodor Billharz aus Sigmaringen [der Entdecker des Erregers der nach ihm genannten Billharziose-Kramkheit]. Heuglin würzte durch wissenschaftliche Mittheilungen oder Sauer durch seine Gesprächigkeit und Billharz durch sein gemüthvolles Wesen die zahlreichen Abende unseres Vereins. . . Im Anfange des November saßen wir im Diwahn Sauer's zusammen und schlürften den Rauch des köstlichen Krautes Djebeli. Zyperwein funkelte in den kristallenen Gläsern. Heuglin sprach von einer beabsichtigten Reise an das Rothe Meer. "Gehen Sie mit mir", sagte er zu uns. Wir überlegten und beriethen. Bald waren wir übereingekommen. Bauerhorst und ich wollten Heuglin nach dem rothen Meere, er dagegen sollte uns nach dem Sinai begleiten. Die Gläser klangen zusammen: "Auf eine glückliche Reise!"”

Im darauffolgendem Jahr 1852 forschte Heuglin im Niltal und gelang bis nach Chartum. Dort erhielt er eine Anstellung als Sekretär des Leiters des österreichischen Konsulats, Dr. Constantin Reitz.

Die Expeditionen in Afrika

Die 1. Expedition 1852 - 1853 nach Abessinien

Eine der Hauptaufgaben des österreichischen Konsulats waren die Knüpfung neuer Handelsbeziehungen in Afrika. Hierbei sollte das christliche Abessinien ein Hauptpartner werden. Deshalb rüstete Reitz eine Expedition nach Abessinien und Heuglin sollte sein naturwissenschaftlicher Begleiter werden. Man brach am 9. Dezember 1852 von Chartum aus mit einer großen Karawane, die aus 83 Kamelen bestand auf. Die Expedition verlief zunächst sehr erfolgreich. Es wurden wichtige Handelskontakte geschaffen und Heuglin sammelte zahlreiches naturwissenschaftliches Material. Die Expedition kam bis zum Tana - See. Die Rückreise verlief jedoch tragisch. Heuglin erkrankte schwer und Reitz starb am 16. Mai. Heuglin kam Mitte Juni wieder in Chartum an und wurde dort zum Leiter des Konsulats ernannt. Er blieb dort bis Mitte 1855 und machte während dieser Zeit noch kleinere Ausflüge in die Umgebung Chartums. Dann begann er seine Heimreise nach Deutschland.

Zunächst ging er wieder nach Wien und brachte die viel zitierten 99 lebenden Säugetiere zum Zoo Schönbrunn. Gleichzeitig brachte er umfangreiche Sammlungen von präparierten Tieren mit, die hauptsächlich nach Wien, teilweise aber auch an das Naturaliencabinet Stuttgart gelangten. Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen und Ehrungen verlieh ihm der König von Württemberg den Kronen-Orden 1. Klasse. Mit dieser Verleihung war auch der persönliche Adel verbunden.

Schon im April 1856 begann seine zweite Afrikafahrt. Von Wien aus bereiste er zuerst die ionischen Inseln und Teile Griechenlands und traf im Mai in Alexandria ein. Er reiste zunächst wieder nach Chartum, ging aber schon im Februar 1857 nach Kairo zurück.

Die 2. Expedition 1857 - 1858 an das Rote Meer und ins nördliche Somali - Land

Von dort aus startete er Mitte Mai zusammen mit Hauptmann Tegethoff im Auftrag von Erzherzog Ferdinand von Österreich eine Erkundungsexpedition. Heuglin führte während der Expedition zahlreiche naturwissenschaftliche Untersuchungen durch. Er beschäftigte sich u.a. mit der Fauna des Roten Meeres (Abb. 7) und machte zahlreiche geographische Aufzeichnungen. Heuglin erreichte hier den östlichsten Punkt seiner Unternehmungen in Afrika. Ein schwere Verwundung durch einen Speerwurf verhinderte offensichtlich weitreichende Untersuchungen, so dass Heuglin bereits Anfang Januar wieder in Suez war. Der geheimgehaltene Hauptzweck war die Erkundung der strategischen Lage der Insel Socotora. Hier wollte Österreich eine nautische Station oder eine Sträflingskolonie gründen. Offensichtlich haben die Expeditionsteilnehmer sich hierbei zu auffällig benommen, so dass die Untersuchungen unter den Augen der Engländer nicht abschließend durchgeführt werden konnten. Heuglins Wunsch war der nochmalige Besuch dieser Insel, da diese eine sehr interessante Tierwelt besaß. Der weitere Besuch konnte jedoch nicht realisiert werden.

Zur Erholung kehrte Heuglin im Herbst 1858 nach Österreich zurück, wo er seine dienstlichen Verpflichtungen aufkündigte um in der Zukunft ein unabhängiges Forscherleben führen zu können. Im Oktober war er wieder in Stuttgart wo er bis 1861 blieb. In diese Zeit fallen eine Vielzahl von Veröffentlichungen und die Herausgabe von Detailkarten aus Afrika.

Die 3. Expedition 1861 - 1862 nach Abessinien

Der Forscher Dr. Heinrich Vogel aus Leipzig war seit 1856 in Afrika verschollen. Die vorliegenden Berichte deuteten darauf hin, dass er in das für Europäer gesperrte Sultanat Wadai in Abessinien eingedrungen war. Für die Suche nach Vogel und die Aufklärung seines Schicksals, aber auch für die zoologische, botanische und geographische Erforschung der bereisten Landstriche, wurde die "Deutsche Expedition" auf Initiative von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha ausgerüstet. Zahlreiche Spender wurden zur Finanzierung gefunden. Heuglin wurde zum Leiter der Expedition bestimmt. Für naturwissenschaftliche Forschungen wurden ihm namhafte Wissenschaftler zur Seite gestellt, unter anderem der Botaniker H. Steudner, der schweizer Ethnograph W. Munzinger (1832-1875), der Astronom und Meteorologe Th. Kinzelbach, der Österreicher M.L. Hansal (1823-1885) als Präparator sowie der Arzt B. Hassenstein.

Im Mai 1861 ging es über Suez nach Massaua und von dort nach Abessinien. Schon bald kam es zwischen den Beteiligten wegen der unterschiedlichen Zielsetzungen zu Meinungsverschiedenheiten. Nachdem Heuglin erfahren hatte, dass Vogel mit Sicherheit ermordet worden war, sah er keinen Grund mehr zu weiteren Nachforschungen in dieser Sache und widmete sich ausschließlich den naturkundlichen Forschungen. So trennten sich Munzinger und Kinzelbach von der Gruppe. Aber auch sie konnten nicht nach Wadei eindringen, wenngleich sie sichere Kunde vom Tod Vogels erhalten konnten. Die wissenschaftliche Ausbeute war enorm, dennoch wurde Heuglin für das vermeintliche Scheitern der Expedition verantwortlich gemacht, wenngleich wichtige Persönlichkeiten sich schützend vor ihn stellten. Im Juli 1862 traf Heuglin in Chartum ein und beendete dort die Expedition.

Die 4. Expedition 1863 - 1864 nach Zentralafrika

Heuglin plante nun eine Reise in unbekannte Teile von Zentralafrika. Im November 1862 traf Heuglin in Chartum die wohlhabenden Holländerinnen Tinné zusammen. Die Frauen, die Mutter Tinné, die Tochter Alexandrine Tinné und deren Tante Freifräulein von Capellen, hatten bereits mehrere Teile Afrikas und des Nahen Ostens bereist und hatten nun das selbe Ziel wie Heuglin, nämlich die Erforschung des unerforschten Landes der Njam-Njam. Weitere Begleiter waren Steudner und Baron van Arkel d'Ablaing. Die Expedition, die 24 Januar begann, war pompös ausgestattet. 6 Schiffe und 150 Träger mußten die Ausrüstung transportieren. Die dadurch verursachte Unbeweglichkeit und Langsamkeit der Expedition und sicherlich auch die luxoriösen Ansprüche der Damen, die zum Beispiel selbst bei widrigsten Bedingungen darauf bestanden, in Sänften getragen zu werden, führten die Expedition in eine Katastrophe. Heuglin hat seine Reisebegleiterinnen deswegen nie öffentlich angegriffen oder für die vielen Todesfälle verantwortlich gemacht. Steudner starb am 10. April in Wau, Madame Tinné starb am 21. Juli, ihre Kammerfrauen folgten ihr kurze Zeit später. Weitere Verzögerungen machten den Plan Heuglins zunichte, noch vor der Regenzeit in Chartum einzutreffen. Die Vorräte waren zur Neige gegangen und konnten von den örtlichen Machthabern nur gegen Wucherpreise gekauft werden. Die Expedition war ständigen Angriffen durch Sklavenhändler ausgesetzt. Heuglin kam mit dem Rest der Expedition am 30. März 1864 schwer erkrankt in Chartum an, wo auch noch Fräulein von Capellen starb. Aus naturwissenschaftlicher Sicht war der Erfolg der Expedition gewaltig. Es erscheint heute unvorstellbar, wie Heuglin bei all den Strapazen und lebensbedrohenden Erkrankungen überhaupt in der Lage war, derartig viele Tagebuchaufzeichnungen, Neubeschreibungen von Tieren und Karten anzufertigen. 1865 brachte er von dieser Expedition reiche Sammlungen nach Stuttgart mit.

In der nun folgenden Zeit widmete sich Heuglin vornehmlich der Veröffentlichung seiner Aufzeichnungen. Hierzu besuchte er zahlreiche Museen im In- und Ausland und hatte Kontakt zu den bedeutendsten Naturwissenschaftlern seiner Zeit.

Die Nordpolarexpeditionen

Die 5. Expedition 1870 nach Spitzbergen

Die Reiselust packte Heuglin wieder, als er von Graf Carl von Waldburg-Zeil-Trauchenberg zu einer Fahrt ins Nördliche Eismeer eingeladen wurde. Die Reise dauerte vom 4. Juni bis 27. September.

Die 6. Expedition 1871 bis nach Nowaja Semlja

Die zweite von Albert Rosenthal aus Bremerhaven ausgerüstete Nordfahrt von Heuglin hatte hauptsächlich die Aufgabe, neue Handelswege in der Eismeerregion zu finden. Diese Aufgabe konnte wegen der starken Vereisungen nicht befriedigend gelöst werde.

Für Heuglin waren beide Expeditionen sehr erfolgreich. Er konnte neue Gebiete (unter anderem das nach ihm benannte Cap Heuglin auf Spitzbergen) kartographisch erfassen und konnte einen umfassenden Überblick über die Tierwelt dieser Region geben.

Die letzte Expedition

Die 7. Expedition 1875 an das Rote Meer und nach Eritrea

Der Braunschweiger Verleger H. Vieweg beabsichtigte eine Jagdreise in den Orient und fragte diesbezüglich Heuglin um Rat. Dieser bot sich als Reiseleiter an um unter anderem auch wissenschaftlich in dem noch wenig erforschten Gebiet tätig werden zu können. Mitte Januar 1875 traf ihr Dampfschiff in Sauakin am Roten Meer ein. Die Reise verlief ohne Zwischenfälle, wenngleich Heuglin, nach vorliegenden Briefen, mit der Ausbeute nicht ganz zufrieden war und hierfür Vieweg mit die Schuld gab. Dieser hatte jedoch ausschließlich jagdliche Interessen angemeldet und dabei dem Forscherdrang von Heuglin nicht immer nachgegeben. Heuglins Veröffentlichungen zu dieser Reise belegen jedoch auch die herausragenden Ergebnisse dieser Expedition, die in Gebiete geführt hatte, die von Europäern noch nie betreten worden waren. Zum Abschluß der Expedition kam es beim Vizekönig von Ägypten in Kairo noch zu einem Treffen solch bedeutender Forscher wie dem Ägyptologen H. Brugsch (1824-1894) und die Expeditionsreisenden Gustav Nachtigal (1834-1885) und Georg Schweinfurth (1836-1925). Dieses Treffen der neben E. Rüppell (1794-1884) bedeutendsten deutschen Afrikaforscher im letzten Jahrhundert sollte, entgegen anderer Planungen, Heuglins letzter wissenschaftlicher Kontakt zu Afrika werden. Er kehrte am 5. April nach Stuttgart zurück.

Während der Zeit in Stuttgart waren ihm weitere Angebote unterbreitet worden, so zum Beispiel die Teilnahme an einer Expedition in den Kongo, sowie die Teilnahme an einer russischen Expedition. Ebenso lehnte er die ihm angebotene Kustosstelle an der Petersburger Naturwissenschaftlichen Akademie ab. Dies wohl deshalb, weil er eine Stelle in Deutschland suchte, die ihm jedoch nicht angeboten wurde.

Im Dezember 1875 wurde Heuglin telegraphisch nach Kairo gerufen. Neben der Reisekosten wurde ihm eine hervorragend dotierte Stelle angeboten. Voller Hoffnung trat Heuglin die Fahrt nach Kairo an. Offensichtlich war diese Stelle jedoch nicht wissenschaftlich, sondern militärisch orientiert. Heuglin sollte vermutlich Führer für die ägyptischen Truppen im Kriegszug gegen Abessinien werden. Diese Stellung lehnte er entrüstet ab, da er sich nicht an kriegerischen Auseinandersetzungen mit einem Land beteiligen wollte, welches ihm über Jahre Gastfreundschaft gewährt hatte. So blieb dem über 50-jährigen Forscher auch in Ägypten das versagt, was ihm auch seine Heimat, trotz zahlreicher Ehrungen verweigerte - eine dauerhafte Anstellung mit einem gesicherten Einkommen. Er kam unverrichteter Dinge im Mai 1876 wieder in Stuttgart an.

Als Heuglin gerade seine letzten Aufzeichnungen zu Papier gebracht hatte und eine neue Reise nach Afrika zur Insel Socotora plante, starb er überraschend am 5. November 1876 in Stuttgart. Er wurde auf dem Pragfriedhof beerdigt. Leider ist dort der Grabstein - ein von R. von König-Warthausen besorgter Findling aus Oberschwaben - nicht mehr auffindbar.

Heuglins Bedeutung und wissenschaftliche Leistungen

Die vorliegende Schrift kann leider nur einen sehr oberflächlichen Überblick über Heuglins Reisen geben. Diese hat Heuglin auf nahezu 5.000 Druckseiten publiziert. Mir liegen weiter im Original und in Kopie über 3.000 handschriftlichen Seiten von Heuglin vor, die noch auf eine detaillierte Auswertung warten !

Heuglin hatte in seinem Elternhaus eine fundierte Schulbildung erhalten, in der Zoologie war er jedoch hauptsächlich Autodidakt. Seinen Aufzeichnungen nach zu urteilen, war er ein  überaus genauer, vielleicht sogar penibler Mensch, der sein ganzes Leben der Wissenschaft widmete. Er zog dieses Leben auch der geplanten Heirat mit der Tochter wohlhabender Wiener vor, da diese ihr einziges Kind nicht nach Afrika ziehen lassen wollten. Heuglin hat sein Leben voll und ganz der Wissenschaft verschrieben und ließ sich davon auch von zahlreichen tragischen Ereignissen nicht abbringen. Freunde sind in seinen Armen gestorben, er musste zahlreiche lebensbedrohliche Angriffe überstehen und war selbst oft schwer krank, dennoch findet man in seinen Aufzeichnungen, auch zwischen den Zeilen, nie Hinweise darauf, dass er an seinen Lebensweg zweifelte. 

Die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner Expeditionen waren für einen Einzelnen, der nie üppige Gelder erhalten hatte, immens. Heuglin war in erster Linie Ornithologe, worüber sein Hauptwerk, die “Ornithologie Nordost-Afrika's” auf über 1850 Seiten und 51 Tafeln Zeugnis ablegt. Aber Heuglin war wesentlich mehr. Wenn kein oder nur unzureichendes Kartenmaterial vorlag, hat er die von ihm bereisten Gebiete kartographisch aufgenommen und diese gleichzeitig neu erkundet, eine Vielzahl von Vogel- und Säugetierarten erstbeschrieben und viele ethnographische und zoologische Sammlungen zuerst nach Wien, dann aber vor allem nach Stuttgart und in andere Museen geschickt. Als einer der ersten hat er dabei die Tierwelt nach zoogeographischen Gesichtspunkten beschrieben und somit klar erkannt, dass das Tier zusammen mit dem Klima, den Pflanzen und der Landschaft eine biologische Einheit bilden. Er hat damit eine Ökosystemforschung betrieben, die in der heutigen biologischen Wissenschaft uneingeschränkt Gültigkeit hat. Der Heuglin wohlgesonnene A. Petermann bemängelt in seinem Nachruf, dass Heuglin keine der größten offenen Fragen über Afrika gelöst habe und dass er auf seinen Reisen kein hervorragendes Ziel erreicht habe. Dies ist richtig und man mag bedauern, dass er 1863 nicht den Sprung in das bis dahin völlig unbekannte Land der Njam-Njam gewagt hat. An Baron König schrieb er: “ich bin nahe daran gewesen, ins Innerste Afrikas einzudringen”, und man fragt sich warum er diesen Schritt nicht gewagt hatte. Heuglin war kein rücksichtsloser Draufgänger und bei dieser Reise nahm er Rücksicht auf die ihn begleitenden Damen Tinné. Und wahrscheinlich wegen dieser Rücksichtsnahme und trotz seiner herausragenden Lebensleistung ist Heuglin heute nahezu unbekannt. Und er ist sicher auch deshalb unbekannt, weil seine Reiseberichte keine spektakulären Darstellungen von menschenraubenden Löwen, kriegerischen Negerstämmen und wildgewordenen Elefantenherden enthielten. Vielmehr waren dies detailgetreue aber gerade deshalb auch unspektakuläre Reiseberichte oftmals mit langen Beobachtungslisten mit den wissenschaftlichen Synonymen der beobachteten Tiere. Deshalb wurden seine Berichte sicherlich nur vom wissenschaftlich Interessierten gelesen. Ein populärer Reiseschriftsteller wie etwa ein Alfred Edmund Brehm war er nicht! Zum Beispiel hat Heuglin die Überquerung der Nilkatarakte in seinen Schriften niemals erwähnt, Brehm machte daraus ein literarisches Spektakel, bei dem der Leser den Eindruck haben musste, gleich selbst nass zu werden.

Richard von König-Warthausen hat Heuglin trefflich mit folgenden Worten charakterisiert: “Wie seine Schriften nur nüchterne Wahrheit wiedergeben, so war er selbst ein ernster, ruhiger trockener und einfacher Mann, der nur im intimsten Kreise heiter und warm werden konnte. . . Während mancher Andere in der Unterhaltung sowohl als für sonstige Zwecke Capital aus sich geschlagen haben würde, musste man, wollte man überhaupt etwas erzählt bekommen, ihm das Wort aus dem Munde pressen”.

© Wilfried Schmid, 2001

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